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WAS IST BODY ART THERAPY?

Die Körperbemalung wird bereits seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte in allen Kulturen verwendet. Durch die sich stetig verändernden Lebensformen, Digitalisierung, Beschleunigung u.a. steigt in der modernen Gesellschaft langsam wieder das Bedürfnis nach einer achtsamen Begegnung und Verbindung mit dem eigenen Körper, seiner Identität und archaischen Essenz einerseits sowie seinen Mitmenschen und der Natur andererseits. Dies ermöglicht die Body Art Therapie.

 

Die Body Art Therapy ist eine innovative Methode, in der die Körperbemalung zu therapeutischen und präventiven Zwecken angewendet wird.

 

Je nachdem, welches Bedürfnis oder Ziel im Vordergrund steht, können die Klient*innen bei der Körperbemalung im therapeutischen Kontext am ganzen Körper oder nur an den Händen oder im Gesicht bemalt werden. Die Klient*innen können sich selbst bemalen oder die Körperbemalung in Form eines dialogischen Malens mit ihrer Bezugsperson bzw. Therapeut*in erfahren. Bedarfsabhängig kann die Körperbemalung von einem therapeutischen Gespräch begleitet werden. 

 

Auch wenn es zurzeit keine wissenschaftlichen Beweise für die Wirkung der Körperbemalung gibt, liefern Forschungsergebnisse aus verwandten Bereichen überzeugende Hinweise auf einen positiven Effekt dieser Methode und unterstützen so theoretisch die vorhandenen Erfahrungsberichte.

 

So gilt die Berührung für Menschen als ausschlaggebend für das Überleben, für den Beziehungsaufbau und die Körperwahrnehmung. Die Körperwahrnehmung wird meist durch die Verschaltung der Sinnesreize gefördert. Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, die Förderung des Selbstbewusstseins und die Traumataarbeit gehen in vielen verwandten Bereichen über den Körper. Allgemein ist mittlerweile in vielen therapeutischen Ansätzen angekommen, dass Psyche und Körper nicht linear zu betrachten sind, sondern sich gegenseitig stark beeinflussen. 

 

Diese Wechselbeziehung kann während der Körperbemalung berücksichtigt werden. Die festen Bestandteile der Körperbemalung sind die Berührung der Haut mit dem Pinsel oder mit den Fingern sowie die Verknüpfung von taktilen und visuellen Sinneseindrücken durch die Berührung, die verwendete Farbe und die dargestellten Motive. Der Vorteil der Body Art Therapy besteht darin, dass bei dieser ganz viele Aspekte zusammenkommen und auf eine natürliche, kreative, angenehme und spielerische Weise umgesetzt werden können. Die erwünschte Wirkung wird dadurch quasi im Hintergrund erzielt. Das ist besonders in der Arbeit mit Kindern von großem Vorteil.

In dem einzigartigen Ansatz von Svetlana Kyun  geht es darum, zunächst über die Körper- und Gesichtsempfindungen und dann über eine entsprechende Maske die inneren Anteile, die für die aktuelle Fragestellung relevant sind, sichtbar zu machen und mit diesen über den Spiegel in Kontakt zu treten, um diese in einem nächsten Schritt entweder anzunehmen oder mit diesen zu verhandeln, diese umzuwandeln oder zu verabschieden.  

 

Die Body Art Therapy kann in folgenden Bereichen eingesetzt werden:

-bei Förderung der Körperwahrnehmung, des Selbstbewusstseins, der Selbstwirksamkeit, der Identität, der Beziehung, der Gruppendynamik, der Motorik, der Empathie, der Achtsamkeit u.v.m.

-bei Lebenskrisen und Lebensübergängen, Konflikten, während der Schwangerschaft u.a.  

-in der Kunsttherapie, Tanztherapie, Theaterpädagogik, Ergotherapie, Logopädie, Psychoonkologie, Paar- und Familientherapie, Heilpädagogik, Reha, Pädagogik, Sozialen Arbeit, Schematherapie, Ego-State-Therapie, körperorientierten Psychotherapie, systemischen Therapie und Beratung, in der Arbeit mit Archetypen und in vielen anderen Bereichen.

 

Die Methode birgt meiner Meinung nach hohes Potenzial und verdient es, verbreitet und weiter erforscht zu werden. Zusammenfassend möchte ich folgende gewagte Thesen vorstellen, die mit Sicherheit von vielen bestätigt werden kann, die die Methode schon umgesetzt oder an sich erfahren haben:

 

„Durch die sanfte Pinselberührung, die Verwendung leuchtender Farben und individuell gewählter Motive werden die beteiligten Sinnesreize verschaltet und die Wahrnehmung verstärkt. Die Farben wirken dabei sowohl auf der visuellen als auch auf der energetischen Ebene. Die Hautstimulation erlaubt das bewusste Erfahren der Grenze zwischen Ich und Welt und damit eine realistische Wahrnehmung des eigenen Körpers, seiner Identität und der Umwelt. Dies bewirkt die Empfindung seiner Selbst als Ganzes UND als unzertrennlicher Teil der Welt. Die bemalte Person hat die Gelegenheit, neue Rollen auszuprobieren, innere Anteile kennenzulernen, die Macht über den eigenen Körper und ihre Autonomie zu spüren sowie ihre Freiheit und Kreativität auszuleben. Im Rahmen einer achtsamen Begegnung verstärken die Hautberührungen durch den gegenseitigen Farbauftrag die Beziehung zum Gegenüber.“

 

Die Body Art Therapy ist entsprechend eine wunderbare Möglichkeit, Menschen mit ihrem Körper, ihrem Sein, mit den Anderen und der Natur zu verbinden. Und ist dies nicht genau das, was die Welt gerade am meisten braucht?

Fallbericht: Körperbemalung mit einem autistischen Jungen

BODY ART THERAPY NACH SVETLANA KYUN

Die Autorin der Methode hat die Körperbemalung ursprünglich vor 30 Jahren im Rahmen ihrer Arbeit mit Psychiatriepatienten eingesetzt. Der Idee lag die Erkenntnis zu Grunde, dass vor allem bei Schizophrenie sowohl der Dialog nach außen als auch der innere Dialog und die Selbstwahrnehmung gestört sind. Die Körperfarbe wurde hier zur Gesichtsbemalung vor dem Spiegel eingesetzt. 

 

Über die Jahre entwickelte sich die Methode soweit weiter, dass sie mittlerweile bei diversen Schwerpunkten in der therapeutischen und beratenden Arbeit eingesetzt werden kann. Selbst dann, wenn sich die Bemalung nur auf das Gesicht beschränkt, können die zu bearbeitenden Anliegen sowohl die Selbstwahrnehmung als auch psychische und körperliche Beschwerden oder alltägliche Themen betreffen. 

 

Denn das Gesicht ist die Essenz der Identität, das Kommunikationsmedium nach innen und nach außen. Die Selbstwahrnehmung des eigenen Gesichts wird aus den zahlreichen Erfahrungen, Emotionen und Zuschreibungen von außen geprägt. 

 

Durch die Hautstimulation während der Selbstbemalung mit den Fingern als auch durch die Verzerrung der gewohnten identitätsbildenden Gesichtszüge im Spiegel verweilt die Person während des gesamten Prozesses in einem leicht tranceähnlichen Zustand. Dadurch ist die Methode sanft und zugleich tiefgehend in der Arbeit mit den gesetzten Anliegen, was auch durch zahlreiche Erfahrungsberichte untermauert wird. Zugleich verkürzt sich deutlich die Dauer der Therapie, die zudem nachhaltig in den Ergebnissen ist.

 

Die in den Erfahrungsberichten beschriebenen Ergebnisse umfassen meist 

  • eine veränderte, positive Selbstwahrnehmung, 

  • eine Verbesserung des allgemeinen Zustands, 

  • eine psychische und physische Entspannung, 

  • eine Zentrierung, 

  • eine veränderte Wahrnehmung und Denkweise hinsichtlich gewohnter Sachverhalte, 

  • das Finden neuer Wege und Lösungen, 

  • das Finden eigener Ressourcen, 

  • das Finden eines Zugangs zu verborgenen, unterbewussten Gedanken und Emotionen, 

  • das Ausleben, Kennenlernen, Umwandeln oder Loslassen bestimmter innerer Anteile und Emotionen. 

 

 

Die Body Art Therapie ist entsprechend durch die Arbeit mit der inneren Welt des Menschen über die Selbstwahrnehmung und den Dialog mit den eigenen inneren Anteilen im Spiegel gekennzeichnet. Anhand von Körper- und Gesichtsempfindungen sowie von Farben, Geschichten und mit diesen assoziierten Emotionen entstehen Bilder, die intuitiv auf das Gesicht übertragen und weiterentwickelt werden. Dabei kann die Methode mit Elementen aus weiteren Ansätzen wie der Familienaufstellung, Embodiment, Kunsttherapie und vielem mehr kombiniert werden.

Erfahrungsbericht über die künstlerische Selbsterfahrung in der Gruppe, mit Svetlana Kyun

Infoblatt mit Beispielen der Umsetzung

Yulia Ezhova 01/2021