FALLBERICHT:

KÖRPERBEMALUNG MIT EINEM AUTISTISCHEN JUNGEN

A. (5 Jahre) besucht die freie Schule in Paraguay, in der ich mit einer Vorschulgruppe ein Projekt durchgeführt habe. Ich bin von den pädagogischen Fachkräften gebeten worden, mit A. in Einzelsitzungen zu arbeiten. Bei ihm besteht ein starker Verdacht auf Autismus. Er beteiligte sich nicht an Gruppenprozessen in der Klasse, konnte keinen Augenkontakt herstellen oder auf eine andere Weise eine Beziehung zu seinem Gegenüber aufbauen oder aufrechterhalten, konnte nicht sprechen und zeigte wenig Empathie. Ein großes Problem in der Klasse war sein gewalttätiges Verhalten gegenüber anderen Kindern, während er zugleich kein Verständnis über das Ausmaß seiner Handlungen oder seine unangemessenen Reaktionen wie beispielsweise Lachen aufwies. Ferner zeigte er stereotype, sich repetitive Verhaltensweisen und schien permanent wie abwesend oder wo anders mit seiner Wahrnehmung zu sein. A. zeigte aber eine besondere Verbindung zur und Begeisterung für Musik.

 

In der gemeinsamen Arbeit in der Gruppe konnte A. die Körperfarbe beim Einsatz auf seiner Hand schon etwas kennenlernen. Daran anknüpfend wurden die Einzelsettings mit A. fortgesetzt. Aufgrund von unterschiedlichen Umstände, begrenzte sich meine Arbeit mit A. auf 6 Sitzungen.

 

Da A. am Anfang aus Gewohnheit immer wieder dazu tendierte, die Körperfarbe auf anderen Oberflächen zu benutzen, habe ich mit seiner Erlaubnis zunächst die Bemalung übernommen. Dabei habe ich immer wieder nachgefragt, ob er mit der Farbe, der Körperstelle und der Pinselberührung einverstanden war. Im weiteren Prozess übergab ich A. den Pinsel, musste jedoch den Pinsel (ebenfalls mit seiner Erlaubnis) führen und unterstützen.

 

Es schien, als ob er das Bild im Spiegel und die Empfindung auf seinem Gesicht erst nicht miteinander verknüpfen konnte. Während der Bemalung gab A. einen starken Seufzer von sich, der nach Entspannung und Loslassen klang. Er schaute neugierig in den Spiegel.

 

Schwerpunkt und Ziel der Therapie war das Spiegeln. Ob verbal, nonverbal oder im wörtlichen Sinne. Denn eine Besonderheit von Autismus besteht im eingeschränkten Dialog - sowohl nach außen als auch nach innen. Die Verbindung also mit sich selbst und mit anderen.

 

Im weiteren Verlauf habe ich A. nonverbal gespiegelt, während ich mit ihm gemeinsam auf einem Blatt Papier gezeichnet und seine Linien auf meiner Blatthälfte wiederholt habe. Aus diesem dialogischen Malen entstand ein Spiel und eine Interaktion, auf welche A. gerne und mit Spaß eingestiegen ist. Nach dieser Sitzung war er eher bereit, mit mir auch außerhalb des Malens zu kommunizieren, wenn auch auf seine Art - mit Lauten und Gesten. Der Augenkontakt blieb jedoch zunächst noch aus.

 

Bei weiteren Treffen habe ich A. erneut aufgefordert, sich selbst vor dem Spiegel anzumalen. Mit jedem Mal ging dies besser. A. schien den direkten Bezug zwischen seinen Empfindungen und seinem Spiegelbild nachzuvollziehen und zu genießen. Er beobachtete die Farbspuren und Pinselbewegungen auf seinem Gesicht und machte Grimassen. Er erkundete sein Gesicht und das, was er damit machen konnte. Er grinste, klapperte mit den Zähnen, zog die Augenbrauen hoch und dann wieder zusammen. Dabei machte er zudem Geräusche, als ob er all dies auf seine Art kommentieren würde. Dabei schaute er mich über den Spiegel immer wieder an. Irgendwann schließlich auch direkt in die Augen.

 

Während des gesamten Prozesses spiegelte ich ihn verbal. Ich kommentierte seine Handlungen, benannte die Gesichtsteile, die er mit dem Pinsel berührte und beobachtete. Ganz ähnlich, wie sonst eigentlich mit Babys gesprochen wird, was ja ebenfalls ein intuitives Spiegeln darstellt und dem Baby erlaubt, sich selbst über die Bindungsperson zu erfahren.

 

In einem weiteren Setting war die Mutter von A. dabei und aktiv beteiligt. Sie und A. haben sich gegenseitig im Gesicht angemalt. Die Psychotherapeutin, die ebenfalls den Prozess beobachtet und mit der Familie schon einige Zeit gearbeitet hatte, sagte dazu, dass die Verbindung und die Kommunikation zwischen A. und seiner Mutter während der Bemalung außergewöhnlich nah und intensiv waren.

 

Zum Abschluss unserer gemeinsamen Arbeit habe ich A. dazu motiviert, sich auch an weiteren Körperbereichen anzumalen, vor allem an den Beinen. Dies hat bei ihm zunächst sichtlich Unbehagen und Verwirrung hervorgerufen. Trotzdem habe ich mit Mikroschritten und seiner Erlaubnis einige Pinselstriche an seinem Bein gemacht und ihm anschließend den Pinsel überlassen. Diese Erfahrung hatte ihm offensichtlich gefallen und er übernahm mit Freude die Selbstbemalung und bemalte sich wild und großflächig. Schließlich sprang er plötzlich auf und rannte durch die Räume. Er beobachtete dabei seine Beine und machte mit diesen diverse Bewegungen, bis er in den Spagat ging und ich ihm beim Aufstehen helfen sollte. Es schien, als ob er erst zu diesem Zeitpunkt seine Beine entdeckt und sich darüber gefreut hatte.

 

Wie bereits erwähnt, musste danach unsere Arbeit abgebrochen werden. Seine Lehrer*innen haben mir allerdings berichtet, dass sich A. trotz der kurzen Zeit etwas mehr an Gruppenprozessen partizipierte und das Schlagen anderer Kinder nachgelassen hatte. Zudem konnte er Augenkontakt mit den Lehrer*innen herstellen und aufrechterhalten.

 

Im Hinblick auf unseren persönlichen Kontakt fand ich ferner bemerkenswert, dass A. zwar immer wieder die Settings von sich aus und nach seinen Bedürfnissen abrupt abgebrochen hatte, dieses Abbrechen sich allerdings weiterentwickelte - von einem plötzlichen Wegrennen zu einer Art „Bescheidsagen“. Natürlich auch hier über seinen ganz eigenen Weg - mit Lauten und Blickkontakt. Aber für seine Verhältnisse was dies schon sehr viel.

Yulia Ezhova 01/2021