Körperfarbe

GESCHICHTE  ZUR  ENTSTEHUNG  DES  PROJEKTS 

Ich möchte Dir anhand dieser Geschichte näherbringen, was mich auf diese Methode gebracht und an dieser begeistert hat.

Erste praktische Erfahrungen

Theoretische Auseinandersetzung

Die Idee für das Projekt

Die Reise

Der Schmetterling

Selbsterfahrung mit der Body Art Therapy

 

Erste praktische Erfahrungen

 

Im Jahr 2015 konnte ich meinen langjährigen Traum erfüllen und nach Havanna, Kuba, reisen. 

Ein Ort, den ich bereits 2006 dank eines Videos kennenlernen durfte und der sich für mich sofort wie Zuhause angefühlt und bei mir eine große Sehnsucht sowie den unbezwingbaren Wunsch eines Tages dorthin zu reisen hervorgerufen hat. Aber nicht als Touristin.

 

Das Projekt „SanseLab“ der Alanus Hochschule, das auch eine Kooperation zwischen der Kunsthochschule und der pädiatrischen Onkologiestation in Havanna beinhaltet, war der ausschlaggebende Grund, warum ich mich den Masterstudiengang in Kunsttherapie an dieser Hochschule entschied.

 

Nach einem ersten Kennenlernen 2015 im Rahmen dieser Kooperation war ich noch einmal 2016 für vier Monate auf der Kinderstation tätig - nur dieses Mal alleine, als Kunsttherapeutin tätig.

Meine Spanischkenntnisse waren zu diesem Zeitpunkt noch immer sehr bescheiden und es gab niemanden zum Übersetzen. Daher entschied ich mich zur nonverbalen Kontaktaufnahme, bei welcher mein kurz zuvor zufällig erworbener und mitgebrachter Kinderschminkkasten zum Einsatz kommen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nichts über die mögliche therapeutische Verwendung von Körperfarbe gewusst.

 

Ganz unerwartet hat sich die Bemalung zu einem Schwerpunkt meiner Arbeit entwickelt und war sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern sehr beliebt. Die Bemalung fand in allen möglichen Konstellationen statt. Ich habe die Kinder bemalt oder diese mich, sich selbst oder einander. Und auch die Eltern wurden involviert: Diese wurden von den Kindern bemalt, bemalten ihre Kinder oder auch sich gegenseitig. Die Bemalung wurde plötzlich zum großen Schminkfest und lockerte etwas die erdrückende situationsbedingte Stimmung auf.

 

Mit der Zeit ist mir immer mehr aufgefallen, dass die Bemalung nicht nur der Überwindung von Sprachbarrieren und dem Entertainment dient.

 

Eines Tages wurde die Station aufgrund von Bauarbeiten an einen anderen Ort verlegt. Dort gab es keinen geeigneten Raum mehr für die Kunsttherapie, sodass ich noch mehr an den Betten der Kinder arbeiten musste. Und auch hier hat sich die Körperfarbe als vorteilhaft erwiesen, insbesondere ihre sehr flexible und mobile Einsetzbarkeit. Doch als noch viel bedeutender stellte sich die Verknüpfung der visuellen und taktilen Sinnesreize, die Selbstwirksamkeitserfahrung und die achtsame Begegnung mit dem Gegenüber während der Bemalung heraus. Dies setzte ich allmählich immer gezielter therapeutisch ein - jedoch immer noch stark intuitiv geprägt.

(In diesem Video gibt es einen Überblick über die Kunsttherapie und die ersten Schritte in der Körperbemalung während meiner Tätigkeit in der Kinderonkologie in Havanna, 2016. Leider nur mit  spanischen Untertiteln.)

 
 

Theoretische Auseinandersetzung

 

Eines Nachts hatte ich während meiner Zeit in Kuba einen Traum, in welchem ich über meine Erfahrungen mit Körperfarbe meine Abschlussarbeit schreibe, die tatsächlich nach meiner Rückkehr anstand. Was mir zuerst recht absurd und witzig erschien, hat dann doch irgendwie auch Sinn ergeben, weshalb ich schließlich genau das auch tat. Immerhin konnte ich während meiner Arbeit durch ein paar bewegende Beispiele beobachten und dokumentieren, dass es ganz viele Möglichkeiten gibt, Körperbemalung auf eine spielerische, ungezwungene Weise einzusetzen.

 

Im Schreibprozess hat sich zudem schnell herausgefiltert, dass die Bereiche Körperwahrnehmung, Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und Beziehung/Vertrauen gerade bei krebskranken Kindern ganz wichtige Förderziele der Psychoonkologie sind.

 

Und doch blieb ich irgendwann mitten im Schreibprozess für eine lange Zeit stecken. Bis mir eine junge Frau, Leonie, von Anke Rammé Firlefanz erzählte. Eine Frau, die die Körperbemalung mitten in der Natur für eine Reise von innen nach außen einsetzt. Dieser Ansatz eröffnete mir eine vollkommen neue Perspektive auf das Thema. Ich entdeckte immer mehr Menschen, fast ausschließlich Frauen, die die Körperbemalung als therapeutisches oder präventives Werkzeug einsetzen. Bei diversen Zielgruppen.

Materarbeit
 

Die Idee für das Projekt

 

Unter diesen Frauen hat zu diesem Zeitpunkt kein Austausch stattgefunden, da sie über die ganze Erde verteilt waren, unterschiedliche Sprachen sprachen und ihre Arbeiten nicht übersetzt wurden.

 

Durch meine Deutsch-, Russisch- und mittlerweile Spanischkenntnisse hatte ich Zugriff auf diese Informationen und habe mich mit ihnen austauschen können. Mit der Zeit erkannte ich immer mehr das Potenzial dieser Methode und konnte mich zugleich immer weniger damit abfinden, dass dieses Wissen ausschließlich bei diesen Frauen bleibt. Und es stellte sich heraus, dass auch sie daran interessiert sind, die Methode voranzubringen. Denn auch den Frauen war bewusst, dass sie viel mehr bewegen können, wenn sie sich austauschen können, wenn ihr Wissen gesammelt, verbreitet und im Rahmen eines interdisziplinären Austauschs weiterentwickelt wird.

 

Parallel hatte ich viele andere Wünsche und Ziele, die zumindest scheinbar nichts miteinander zu tun hatten, sich teilweise sogar gegenseitig ausgeschlossen. Trotzdem hing ich einen Zettel mit der Liste all dieser sich scheinbar gegenseitig ausschließenden Wünsche und Interessen wie Malerei, Fotografie, Reisen, neue Sprachen lernen, vorhandene Sprachen aktiv einsetzen, andere Therapiemethoden kennenlernen u.v.m. auf. Und dann verbanden sich all diese Dinge eines Tages beim Blick auf die Liste auf eine für mich unerwartete Art. Es entstand die Idee für das Body Art Therapy Project, das der Verbreitung und Weiterentwicklung dieser Methode dienen soll. International. Interdisziplinär.

 

Die Reise

 

Doch wie fange ich an? In Deutschland bin ich mit dem, was ich zu dem Zeitpunkt dazu hatte, auf Skepsis und viel Bürokratie gestoßen, was mein Vorhaben wenig weitergebracht hat. Parallel war der Wunsch da, Südamerika zu bereisen.

 

Wie ein Engel hat die schon erwähnte Leonie ganz vielen Menschen mit wenigen Sätzen - und wahrscheinlich unbewusst - lebensverändernde Aha-Momente und Informationen geschenkt, bevor sie leider verstorben ist. Von ihr habe ich auch von einem für mich ganz entscheidenden Buch erfahren: „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron.

 

„Spring, und das Netz wird da sein, um dich zu fangen.“

 

Dieses Buch und besonders dieser Satz haben mich dazu bewegt, meinem Wunsch zu folgen, meine Ängste zu überwinden, dem Leben zu vertrauen und nur mit Handgepäck, kaum Geld und Plan meine Reise nach Südamerika anzutreten. Um dort – in einem neuen Kontext - zu versuchen, irgendwie mit dem Projekt weiterzukommen. Zu lernen, zu lehren und mitten in der tropischen Natur zu bemalen.

 

Obwohl es nie mein Ziel war, haben mich auf dieser Reise auf dem südamerikanischen Kontinent glückliche Umstände irgendwann nach Areguá in Paraguay – einem kleinen Künstlerstädtchen - verschlagen. Über die Kinder der Familie, bei der ich mich zuerst aufgehalten hatte, konnte ich dort Kontakt zur freien Schule Kunumi Areté in Areguá aufnehmen und meine Ideen vorstellen.

 

Ich wurde sowohl in der Schule als auch privat von den Lehrer*innen herzlich aufgenommen und auch an andere tolle Einrichtungen weiterempfohlen. Ich durfte vieles umsetzen und von meinem Wissen und meinen Erfahrungen weitergeben. Mir wurde viel Vertrauen entgegengebracht, was wiederum auch mir Vertrauen und Zuversicht schenkte. Denn jeden Tag hatte ich Begegnungen und Gelegenheiten, die mich und das Projekt weitergebracht hatten.

 

In der Natur von Paraguay wurde mir erst richtig bewusst, wieso die Menschen immer schon Körperbemalung eingesetzt haben und es bis heute tun. Ich erlebte den Prozess der Bemalung selbst als sukzessives In-Kontakt-Treten mit meinem Körper, mit meinem Sein und als ein Sich-Eins-Mit-Der-Natur-Fühlen. Und sie stellte für mich eine weitere Möglichkeit dar, Menschen durch achtsame Zuwendung Liebe zu schenken.

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Der Schmetterling

 

Nach acht Monaten in Paraguay ging es weiter nach Brasilien. Drei schöne und erlebnisreiche, jedoch auch sehr herausfordernde Monate, die mir meine Grenzen, meine Kraft, meine Möglichkeiten in schwierigen Umständen aufgezeigt, aber gleichzeitig auch noch stärkeres Vertrauen in spontane Lösungen geschenkt haben.

 

Irgendwie bin ich in der Zeit vom Weg abgekommen und fand mich in einem Park in São Paulo mit dem Angebot „Kinderschminken“ wieder. Trotz der Vielzahl an Kindern und eines sehr auffälligen, großen, professionell gestalteten Plakats hinter mir schien ich wie unsichtbar zu sein. Außerdem ist mir das Plakat regelmäßig auf den Kopf gefallen und das Sprühglasfläschchen für die Bemalung vor meinen Augen plötzlich geplatzt. Die Frage „Was mache ich hier eigentlich?“ ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Und da vieles andere noch zusammenkam, stand ab da für mich fest, dass ich mich ausschließlich auf das Projekt konzentrieren musste – und das am besten auf eine andere Weise als bis zu diesem Zeitpunkt. Und zudem wurde mir klar, dass ich dafür mit meinen gemachten Erfahrungen wieder nach Deutschland zurückkehren musste. „Das Kinderschminken hier mache ich zum letzten Mal“, dachte ich.

 

Im nächsten Moment tummelten sich lauter Kinder um mich herum und wollten bemalt werden. Den Malprozess hatte ich innerlich als Abschied und Übergang zu etwas Neuem gefeiert. Und genau zu diesem Zeitpunkt bekam ich Besuch von einem Schmetterling. Obwohl dieser vor den Kindern zurückschreckte, flog er von meinem Bein auf den Arm und wieder zurück, ganz so, als wäre ich eine Pflanze. Er „sprang“ auf meiner Hand von einem Finger zum anderen und ließ so mit sich spielen und von den fröhlichen Kindern bestaunen. Als Wesen einer Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling durchlebt dieser Initiation und Erneuerung solch riesigen Ausmaßes.

 

Mag sein, dass das Plakat nicht gut angebracht war, dass das Glasfläschchen einfach der prallen Sonne nicht standgehalten hatte, dass ich irgendwas besonders Verlockendes für Insekten auf meiner Haut hatte. Und trotzdem verdeutlichte mir dieses Bild ganz klar - und das bestätigte sich später auch immer wieder, sobald ich von meinem Body Art Therapy Project abgekommen war: Egal, wie gut und sicher alles auch scheint, es läuft zäh bis gar nicht. Während die Arbeit an dem Projekt mir das Gefühl gibt, mit Leichtigkeit durch eine Welle getragen zu werden. Und, es bedeutet für mich immer wieder Transformation. Sowohl privat als auch professionell.

Transformation
Plakat, Sao Paulo
 

Selbsterfahrung mit der Body Art Therapy

 

In Deutschland angekommen, wies alles auf eine freiberufliche Tätigkeit hin, im Rahmen derer ich mich dem Projekt voll und ganz widmen konnte. Das angsteinflößende Wort Selbstständigkeit starrte mich an. Erstaunlicherweise hat mir die Vorstellung von diesem großen Risiko, von dem alle sprechen, und mit diesem einhergehende Bürokratie viel mehr Angst und Unbehagen bereitet, als irgendwo auf einem fremden Kontinent manchmal nicht zu wissen, wo ich übernachten und wovon ich am nächsten Morgen Essen kaufen soll. Auch das Veröffentlichen meiner Homepage und mit dieser gefühlt für alle sichtbar zu sein, hat viele unerwartete Ängste an die Oberfläche getrieben.

 

In dieser Zeit habe ich alle möglichen Online-Angebote zur Body Art Therapy von Svetlana Kyun wahrgenommen, auch um in der praktischen Umsetzung mehr über ihre Arbeitsweise an mir selbst zu erfahren. Da hatte ich noch nicht mit den großen Auswirkungen auf mich und das Projekt gerechnet. Geschweige denn, dass es irgendeinen Einfluss auf die Veröffentlichung der Homepage haben würde. In den Onlinegruppensettings hat sich jede Teilnehmerin selbst im Gesicht angemalt und mit verschiedenen inneren Anteilen auseinandergesetzt. Dabei konnte ich meinen unbewussten und unausgesprochenen Ängsten buchstäblich ins Gesicht sehen, aber vor allem auch mit diesen reden, verhandeln, ihren Ursprüngen auf die Spur gehen und diese schließlich umwandeln. Und ich konnte auch Stärken und Ressourcen entdecken, mich besser kennenlernen und mit allen Facetten bedingungslos annehmen. Diese Erfahrung hat mir die restlichen Ängste und Zweifel an meinem Vorhaben und der Methode genommen.

 

Ein schöner Abschluss der Runde war der surreale Besuch einer großen, wunderschönen Libelle in meinem Zimmer zum Start des letzten Onlinegruppensettings. Mit ihrer Leichtigkeit und Flexibilität drehte sie eine Runde durch den Raum und flog davon.

 

Und jetzt schreibe ich diese Sätze, die meine Reise hin zu genau diesen Punkt beschreiben und auf meiner Homepage veröffentlicht werden sollen. Sie machen mich und mögliche Fehler zumindest gefühlt für alle sichtbar. Aber durch die Arbeit mit der Körperbemalung an mir selbst und die durch dieses Projekt durchlebten Erfahrungen kann ich diesen, für mich enormen Schritt, wagen und vertrauen.

Erfahrungsbericht über die künstlerische Selbsterfahrung in der Gruppe.

Yulia Ezhova 01/2021

Selbsterfahrung in der Onlinegruppe von