Körperbemalung und Karneval

Jetzt ist Karnevalszeit. Karneval hat eine lange Tradition. Es erlaubt einem zumindest für kurze Zeit ein Anderer zu sein, Wunschträume und Bedürfnisse auf eine spielerische Weise zu realisieren sowie mithilfe von Schminke und Verkleidung eine andere Identität zu schaffen und zu übernehmen. Gleichzeitig werden eigene Rolle und Status aus dem alltäglichen Leben für die Zeit verworfen. Somit sind alle Menschen bei den Festlichkeiten gleich. Es verbindet und stellt einen bewussten Übergang von Jahreszeiten dar. Die hier stattfindenden Elemente, wie das Spiel mit der Identität, Identifikation mit der Gruppe und Initiation sind häufige Bestandteile aller Arten der Körperbemalung und Körperinszenierung. Die Körperbemalung gehört als Teil der Körperinszenierung zur menschlichen Kultur. Ihre Ursprünge liegen so weit zurück in der Menschheitsgeschichte, dass diese bereits als zum Menschsein gehörig bezeichnet werden kann. Auf allen Kontinenten, in allen Kulturen und bereits in den Gräbern der Altsteinzeit können Formen von Körperbemalung nachgewiesen werden. Es liegt nahe, dass die Körperbemalung zum Menschsein dazu gehört, da die Entwicklung des Menschen zum Menschen vom Verlust seines Fells begleitet war. Dadurch wurden die Menschen „nackt“ und schutzlos gegenüber Umwelteinflüssen. Körperbemalung ist womöglich als eine künstliche Schutzschicht gegen die genannten Umwelteinflüsse sowie gegen die eigene Nacktheit entstanden. So gilt der bemalte Körper in manchen Kulturen immer noch als stark, gesund und schön, während der unbemalte Körper dagegen als schutzlos den verschiedenen Krankheiten und Gefahren ausgesetzt gilt. Zur Körperbemalung und -inszenierung wurden ursprünglich Materialien aus der Natur und Tierwelt wie Erdpigmente, Federn, Öle sowie Pflanzensäfte verwendet. Durch bestimmte Farben und Symbole sollte in schamanischen Heilzeremonien eine bestimmte Kraft und Wirkung erzielt werden. Die Motive stammen oft aus der Pflanzen- und Tierwelt. In südamerikanischen Indio-Stämmen wird die Körperbemalung zum Beispiel auch heute noch verwendet, um „in die Haut des Tieres zu schlüpfen“ und dessen Eigenschaften zu übernehmen. Auch in anderen Kulturen wurden von den Schamanen mittels „Verwandlung“ eine Verbindung zur Energie der jeweils aufgemalten oder als Maske getragenen Helfer-, Kraft-, und Totemtiere hergestellt, um bestimmte Aufgaben zu lösen. Für die Verkörperung eines bestimmten Tieres oder Wesens wurden und werden in manchen Kulturen immer noch Masken verwendet. Auch mithilfe von Körperfarbe können Gesichter in Masken verwandelt werden. Die Maske beinhaltet eine starke Wandlungskraft, die den Tragenden zu dem werden lässt, was diese darstellt: zu einem Tier, einer Pflanze, einem Ahnen, einem Geist etc. Masken gehören laut anthropologischer Forschung seit jeher zum Menschen, zu dessen religiösen und kultischen Riten und wurden vor allem überall dort eingesetzt, wo der Mensch sich in Grenzsituationen oder Verarbeitungsprozessen wiederfindet. Ursprünglich diente Körperbemalung eher selten der Verschönerung des Körpers, sondern sagte etwas über den sozialen Status, die Verwandtschaftsbeziehungen, die Zugehörigkeit, politische Funktion, Rituale sowie die spirituelle Botschaft des Trägers aus. Gegenwärtig kann die Verwendung von Körperfarbe auch in Form von Make-Up, Tätowierungen, bei Clowns im Zirkus, während des Karnevals, auf Festen, Demonstrationen oder auch bei Fußballfans, im Theater und in der Kunst beobachtet werden. Während die Körperbemalung in der Vergangenheit eher einen rituellen, spirituellen und heilenden Zweck hatte, kann man heute deutlich das Thema Identität hinter jeglicher Art der Körperinszenierung erkennen. Egal, ob es nun um die Spiegelung der Identität von Innen nach Außen, die Abwandlung der eigenen Identität, die Bewusstmachung der eigenen Identität oder der Identifizierung mit oder Abgrenzung von Anderen geht, die Identität bzw. das Spielen mit dieser steht zumeist im Mittelpunkt. Auch in der Kunst stehen die Körperinszenierung und das Thema Identität in einem engen Zusammenhang. Gerade in der heutigen beschleunigten leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft scheint der Körper als Träger der Identität eine wachsende Rolle zu spielen. Die Körperbemalung bietet hier eine Gelegenheit, inne zu halten, den Körper und somit sich selbst und seine menschliche Natur zu spüren.

Verwendete Literatur:


Dold, P. (1978): Maske und Kinderpsychotherapie. Phänomenologie Tiefenpsychologie Psychotherapie. München: Wilhelm Fink. Gröning, K. (Hrsg.) (1997): Geschmückte Haut. Eine Kulturgeschichte der Körperkunst. München: Frederking & Thaler. Skadé, C. (2010): Kunst-Magie-Heilen. Eine poetische Forschungsdokumentation. Augsburg: Edition Scade.


Verwendetes Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Anke Rammé Firlefanz. Der Frau, die mich mit der Begeisterung für die wundervollen Prozesse während der Körperbemalung angesteckt hat und seit über drei Jahrzehnten Körpermalerei als Subjektkunst für die „Reise nach Innen“ verwendet. (www.anke-firlefanz.de)




11.02.2018


Yulia Ezhova